Oswald Spengler

Michael Thöndl

Professor für Politikwissenschaft, Fachhochschule des BFI Wien / Universität Innsbruck

Oswald Arnold Gottfried Spengler wurde am 29. Mai 1880 als Sohn eines Postbeamten in Blankenburg am Harz geboren. 1891 zog die Familie nach Halle a.d. Saale, wo Spengler die pietistisch geprägte Latina der Franckeschen Stiftungen besuchte. Nach dem Abitur studierte der wegen eines Herzfehlers vom Militärdienst befreite Spengler in Halle, München und Berlin die Fächer Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie und schrieb seine Dissertation über Heraklit. 1904  promovierte ihn die Universität Halle zum Dr.phil. Von 1911 bis zu seinem Tod am 7./ 8. Mai 1936 lebte er als freier Schriftsteller in München.

Während „Der Untergang des Abendlandes“ die Demokratie- und Revolutionsfeindschaft auf einer geschichtsphilosophischen Ebene vortrug, machte Spengler die Novemberrevolution von 1918 konkret für Deutschlands Misere verantwortlich und profilierte sich als vehementer Gegner der Demokratie. Dies brachte er in kleineren Schriften wie „Preußentum und Sozialismus“ (1919) und „Neubau des Deutschen Reiches“ (1924) zum Ausdruck. Bis 1925 bemühte er sich außerdem, im Lager der Gegenrevolution politischen Einfluss auszuüben. Anschließend wandte er sich wieder der Wissenschaft zu. 1927 erlitt Spengler einen leichten Gehirnschlag, von dem er sich nur langsam erholte. Spengler hoffte, dass ein Diktator der Weimarer Republik ein Ende setzen werde. In „Jahre der Entscheidung“ (1933), das fast ein halbes Jahr nach der nationalsozialistischen Machtergreifung erschien, sah er den Prototypen des Herrschers der Zukunft nicht in Hitler, sondern in Mussolini.

Spengler beendete die Arbeiten am ersten Band seines zweibändigen Hauptwerks im April 1917 und hoffte, dass er zum deutschen Sieg im Ersten Weltkrieg erscheinen würde – stattdessen erschien der Band rechtzeitig zur deutschen Niederlage. Er verdichtete nun literarisch meisterhaft das nicht nur in Deutschland, sondern europaweit verbreitete Krisenbewusstsein und machte Spengler schlagartig berühmt und zum Gegenstand heftiger Polemiken.

Im „Untergang des Abendlandes“ entfaltete der v.a. von Goethe und Nietzsche beeinflusste Spengler die These, dass sich historische Abläufe nur innerhalb von Hochkulturen vollziehen. Die Geschichte jeder Hochkultur verlaufe in zwei Stadien, nämlich Kultur und Zivilisation, wobei Spengler das zweite Stadium als Degenerationsphänomen betrachtete; das Abendland sei bereits in die Phase der Zivilisation eingetreten. Als Symptome dieses fundamentalen gesellschaftlichen Wandels betrachtet Spengler insbesondere die Landflucht, die Bildung von Weltstädten, die Zerstörung von Form und Tradition, das Ende der Kunst, das Auftreten revolutionärer Massen mit emanzipatorischem Impetus, die Umkehrung des Primats der Politik über die Wirtschaft, die Demokratie, den Pazifismus und die Irreligiosität. Spengler entwickelte daraus ein breites Panorama der im Umbruch befindlichen modernen Gesellschaften, womit er sich als Klassiker der Sozialwissenschaften profiliert hat.

In der Konzeption des „Untergangs“ ist jener Teil der Menschheit, der nicht von der Prägekraft einer Hochkultur erfasst werde, ein Gegenstand der Zoologie. Die Natur des Menschen sei die eines Raubtiers. Den Hochkulturen gelinge es, gewissermaßen „höhere“ Menschen zu formen, die freilich ihre Raubtiernatur nicht ablegen, sondern lediglich anders ausleben würden. Nur die Kulturmenschen seien imstande, Kulturgüter zu schaffen und eine „höhere“ Form von Politik zu betreiben, die sich vom primitiven Kampf ums Dasein unterscheide, der für die Tiere und damit auch für die Menschen außerhalb einer Hochkultur charakteristisch sei.

Bis jetzt habe es acht Hochkulturen gegeben, und zwar in der Reihenfolge ihrer Entstehung eine ägyptische, babylonische, indische, chinesische, antike, arabisch-magische, mexikanische und abendländisch-faustische. Die Entstehung der Hochkulturen hält Spengler für unerklärlich. Weil das Auftreten der Hochkulturen nicht zu erklären sei, könne man auch nicht vorhersehen, ob der abendländischen Hochkultur eine neunte folgen werde. Dennoch hatte Spengler die Vision, dass auf den Untergang des Abendlandes der Aufstieg einer russisch-asiatischen Hochkultur folgen könnte.

Durch die Annahme, dass die Hochkulturen hermetisch voneinander abgeschlossen seien, setzte Spengler an Stelle des verbreiteten eurozentristischen Entwicklungsschemas „Altertum – Mittelalter – Neuzeit“ die heutzutage modern anmutende Vorstellung von einer multikulturellen Welt. Das von Spengler verworfene lineare Entwicklungsschema hatte bereits Nikolaj Danilewskij heftig kritisiert, dessen Werk „Russland und Europa“ (russ. Original 1869; dt. 1920) erhebliche Analogien zum „Untergang des Abendlandes“ aufweist.

Aufgrund der Abgeschlossenheit der Hochkulturen könne sich kulturelle Entwicklung nur in ihrem Inneren vollziehen. Die Antriebskräfte dieser Entwicklung würden bei jeder Hochkultur aus dem „Ursymbol“ und aus einem „organisch“–zyklischen Getriebe bestehen. Dabei sei das „Ursymbol“ für die fundamentalen Unterschiede zwischen den Hochkulturen ursächlich, während aus dem „organisch“–zyklischen Getriebe ein gleichförmiger Verlauf resultiere, der es dem Historiker ermögliche, aus der Entwicklung bereits untergegangener Hochkulturen auf die noch ausständigen Stadien im Zyklus der abendländischen Hochkultur zu schließen.

Das „Ursymbol“ sei die  Idee, die für die Lebensäußerungen der jeweiligen Kultur bestimmend sei. Es manifestiere sich in einem „plötzlichen Begreifen von Ferne und Tiefe“ (Bd.1, 249, in späteren Aufl.: „Ferne und Zeit“), durch das sich die Hochkulturen sowohl untereinander als auch von der restlichen Menschheit unterscheiden. Diese Idee sei „im Formgefühl jedes Menschen und jeder Zeit  wirksam und diktiert ihnen den Stil sämtlicher Lebensäußerungen. Es liegt in der Staatsform, in den religiösen Dogmen und Kulten, den Formen der Malerei, Musik und Plastik, dem Vers, den Grundbegriffen der Physik und Ethik [...]“ (Bd.1, 250) Beispielsweise sei das ägyptische „Ursymbol“ der „Weg“, das indische das „(bramanische) Nirwana“, das antike der „Einzelkörper“, das arabische die „Welthöhle“ und das abendländische der „unendliche Raum“. Die leitende Idee werde von den in einer Hochkultur verbundenen Gruppen immer wieder von neuem gesucht. Dass beispielsweise die abendländische Hochkultur als einzige nach globaler Herrschaft strebe, liege an ihrer unverfügbaren Gebundenheit an das Ursymbol des „unendlichen Raumes“.

Die Entwicklung der Hochkulturen erfolge in einem „organisch“–zyklischen Prozess; die Hochkulturen gleichen einander als Organismusmodelle: „Kulturen sind Organismen. Kulturgeschichte ist ihre Biographie. Die […] Geschichte der chinesischen oder antiken Kultur ist morphologisch das genaue Seitenstück zur Geschichte eines einzelnen Menschen, eines Tieres, eines Baumes oder einer Blume.“ (Bd.1, 152) Damit begründete Spengler seinen Anspruch, die noch ausständigen Stadien in der Entwicklung des Abendlandes durch Analogien aus den „Lebensläufen“ bereits „verstorbener“ Hochkulturen herleiten zu können.

Eine Kultur sterbe, wenn ihre leitende Idee erschöpft und tot sei. Dann gehe sie in Zivilisation über. Dieses zweite große Stadium im Ablauf einer Hochkultur kann man als Zersetzung des toten Kulturkörpers deuten, wobei dieser nur noch durch museal oder anders überliefertes, erstarrtes Kulturgut von seiner Umgebung zu unterscheiden sei. In der Hervorbringung von Kunstwerken seien die Hochkulturen weniger ausdauernd als in der Politik. Spengler zufolge sind die Hochkulturen auf politischem Gebiet auch noch in der Zivilisationsphase vorübergehend imstande,  Großleistungen hervorzubringen. Daher ist Spenglers Zukunftsperspektive insbesondere der politischen Entwicklung des Abendlandes gewidmet. In seinen politischen Aussagen prognostizierte er das Ende der Demokratie und große Kriege um die Weltherrschaft, aus denen der Sieger als Führungsmacht der abendländischen Zivilisation hervorgehen und eine Herrschaftsform begründen werde, die Spengler in Analogie zum Imperium Romanum als „Cäsarismus“ bezeichnete.

In seinem größtenteils nur fragmentarisch überlieferten und postum publizierten Spätwerk („Urfragen“ und „Frühzeit der Weltgeschichte“) hat Spengler versucht, den schroffen Gegensatz zwischen der Welt innerhalb und außerhalb der Hochkulturen zu überwinden. Bei seiner Hinwendung zur Frühgeschichte wurde Spengler von dem Ethnologen Leo Frobenius beeinflusst. Spengler war aber letztlich nicht gewillt, die Konzeption seines Hauptwerks ernsthaft in Frage zu stellen, nicht zuletzt aus diesem Grund blieb sein Spätwerk ein Torso.

 

Spenglers Opus Magnum war eines der erfolgreichsten und umstrittensten Werke, die seit 1918 publiziert wurden. Der Titel wurde zum „geflügelten Wort“; so konnte man in einer Kontaktanzeige in der Oberhessischen Zeitung vom 31. Jänner 1928 lesen: „Fünf untergehende Abendländer suchen fünf aufgehende Morgenländerinnen zu gemeinsamer Bekämpfung des Pessimismus. Zuschriften unter OSWALD, Marburg postlagernd.“ Von Fachwissenschaftlern wurde Spenglers Methodik als dilettantisch zurückgewiesen.

Der „Untergang des Abendlandes“ verarbeitete eine Fülle von Daten aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen zu einer Gesamtschau. Das Resultat war eine universalgeschichtliche, d.h. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfassende Darstellung der Entwicklung des Abendlandes, die weit über die Sozialwissenschaften hinaus ein breites Publikum faszinierte. Daher fühlte sich Spengler missverstanden, wenn seine Rezensenten das Werk in den Kontext der Tagespolitik stellten und meinten, er habe einen gesellschaftspolitischen Kommentar zum Weltkrieg verfasst. Ohne Zweifel lag aber in diesem Missverständnis ein wesentlicher Grund für den Erfolg des Werks. Im engeren Sinn schulbildend hat Spengler nicht gewirkt, auch wenn er in den USA Vertretern der Schule des modernen Realismus in der internationalen Politik wie Henry Kissinger und Hans Morgenthau Denkanstöße gab. In den letzten Jahrzehnten wurde Spengler in der Debatte über das „Ende der Geschichte“ rezipiert, außerdem hat er Samuel P. Huntingtons berühmtes Werk „The Clash of Civilizations“ beeinflusst.

 

Dieser Beitrag wurde vom Verfasser zuerst publiziert in: Samuel Salzborn (Hrsg.), Klassiker der Sozialwissenschaften. 100 Schlüsselwerke im Porträt, 2. Aufl. Wiesbaden (Springer) 2016, S. 79-82.

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